Eine WG-Besichtigung bei ANAD e.V.

Laura Huber (16):

Letzten Donnerstag habe ich eine Wohngruppe von ANAD in München besucht. Zuerst habe ich mich mit Herrn Schnebel über die Entstehung und Geschichte von ANAD unterhalten und anschließend hat mir Frau Stawowski, eine Sozialpädagogin, die WG gezeigt. In diesem Beitrag möchte ich euch meine Eindrücke schildern und die Wohngruppe ein bisschen beschreiben:

In der WG wohnen Mädchen, die an einer Essstörung erkrankt sind, aber einen BMI über 16 haben. Die ersten 6 Wochen ist man zur Probe dort, so kann man zum Beispiel austesten, wie man mit dem Heimweh umgehen kann und ob man überhaupt in die Gruppe passt. Die Bewohnerinnen gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung und wohnen in einer WG, in der sie von Therapeuten und Sozialpädagogen betreut werden. Pro Woche gibt es zwei Einzeltherapiestunden, dazu beispielsweise eine Ernährungstherapiegruppe. An 2 Wochenenden im Monat kann man nach Hause fahren oder alternativ in der WG bleiben.

Neben einem Wohnzimmer, einer Küche mit Essbereich und einem Fernsehraum gibt es auch eine große  Dachterrasse. Die Mädchen teilen sich zu zweit ein Zimmer, das sie selbst dekorieren und gestalten dürfen. Die WG ist sehr groß und hell und ist wirklich sehr schön gestaltet. Besonders gefallen hat mir, dass es in der WG auch die Möglichkeit gibt, Klavier zu spielen oder sein eigenes Instrument mitzubringen. Regelmäßig finden gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge, Ausflüge in den Englischen Garten, oder Kinobesuche statt. Am Abend finden oft gemeinsame Spiele- oder DVD- Abende statt; man kann sich in der Zeit aber auch zurückziehen und in seinem Zimmer bleiben. Vor kurzem erst haben die Mädchen gemeinsam den Fernsehraum neu gestrichen und aktuell wird ein kleiner Urlaub für die Sommerferien geplant. Die Bewohnerinnen übernehmen im Haushalt Verantwortung, indem sie jede Woche einen anderen Dienst übernehmen, kümmern sich aber auch um das Einkaufen von Lebensmitteln, die sie in einem eigenen Schrank in der Küche aufbewahren. Als ich in der WG zu Besuch war, war es dort sehr leer, weil einige Mädchen unterwegs waren, was zeigt, dass man dort in keinem Fall  „eingesperrt“ ist, sondern die Möglichkeit hat, Hobbys nachzugehen oder Freunde zu treffen.  Ein Punkt, der von einer WG abhalten könnte, ist das Zusammensein mit so vielen anderen  Mädchen, die an einer Essstörung leiden, weil man sich in einigen Momenten sicher gegenseitig runterzieht. Dieses Thema habe ich auch mit Frau Stawowski besprochen. Im Endeffekt kann man immer und überall mit Essstörungen konfrontiert werden- aber man muss in jedem Fall lernen, sich abzugrenzen und aufhören, sich zu vergleichen .Deshalb sollte man das Zusammenleben mit anderen Patienten nicht als Hindernis sehen, sondern als Chance um sich abzugrenzen und zu sich selbst zu finden.

Das Leben in der Wohngruppe ist viel lockerer und abwechslungsreicher, als ich es mir vorgestellt habe und die vielen gemeinsamen Aktivitäten innerhalb der Gruppe machen den Alltag sicher viel lebhafter und schöner. ANAD bietet alle 2 Wochen Informationsveranstaltungen an, um sich Mädchen, die überlegen in eine solche Wohngruppe zu ziehen, vorzustellen. Weil jeder sicher Fragen im Rahmen seiner Überlegungen hat und sich das Ganze vielleicht auch schlecht vorstellen kann, finde ich diese Veranstaltungen sehr hilfreich und würde jedem empfehlen, diese zu besuchen, weil man vor Ort ein ganz anderes und wirklich positives Bild bekommt.

Abschließend möchte ich mich noch bei Herrn Schnebel und Frau Stawowski bedanken, die sich am Donnerstag Zeit für mich genommen haben und mir die WG vorgestellt haben!

Eure Laura

 

 

 

 

Annika Lausch

Name: Lausch, Annika – Alter: 28 – Wohnort: München – Beruf aktuell: Studentin der sozialen Arbeit an der KSFH München – Zuvor: Leistungssportlerin im Rudern (2-fache deutsche Meisterin, 3 WM-Teilnahmen), danach Kommissaranwärterin bei der bayrischen Polizei, danach Fitness- und Personaltrainerin und Rudertrainerin – Über die Krankheit: seit 2007 Sportsucht/Bulimie – 3 Klinikaufenthalte seit März 2013 bei Anad als Klientin seit fast 2 Jahren stabiles und gesundes Essverhalten – Hobbies: Musik und Tanzen, Wassersport und Sonnenbaden

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ANAD e.V. mal aus einem anderen Blickwinkel – Ein Interview mit Stephanie Maier Dipl. Soz.Päd. (FH), Einrichtungsleitung TWG/BEW, Fachbeauftragte Sozialpädagogik

 Hallo liebe Leserinnen und Leser,

heute bekommt ihr einen ganz besonderen Einblick in die Arbeit von ANAD e.V. Hierzu dürfte ich Stephanie Maier (Sozialpädagogin bei ANAD e.V.) interviewen. Ich kenne Frau Maier selbst aus meiner Zeit als Klientin sehr gut und muss betonen, dass ich immer einen sehr guten Draht zu ihr hatte. Ihre sehr kompetente und offene Art hat es mir immer sehr leicht gemacht in Gruppentherapien oder beim gemeinsamen Kochen und Essen mich wohl zu fühlen. Deswegen freue ich mich sehr über dieses Interview:

1. Frau Maier wie lange arbeiten sie schon für Anad e.V. und was waren ihre Beweggründe um mit Esssgestörten arbeiten zu wollen?

Im Rahmen meines Studiums machte ich 2006 mein Jahrespraktikum bei ANAD, habe dann direkt im Anschluss als Nachtdienst gearbeitet und nach meinem Abschluss als Sozialpädagogin in der Pilotystraße begonnen. Dass ich zu ANAD kam, war eher Zufall, ich habe unseren Praktikumsordner an der FH durchforstet auf der Suche nach Einrichtungen der stationären Jugendhilfe und bin dabei auf ANAD gestoßen. Nachdem ich schon als Leiterin von Jugendgruppen mit der Thematik zu tun hatte, bewarb ich mich um die Praktikumsstelle und wurde zu meiner großen Freude auch (trotz Verspätung beim Vorstellungsgespräch) genommen :-)

 

2. Was macht ihnen an der Arbeit am meisten Spaß (und was bringt sie vielleicht manchmal an ihre Grenzen)?

Am meisten Spaß macht mit die direkte Arbeit mit den Klientinnen, das Beraten, Begleiten und Unterstützen und dass ich so viel teilhaben darf an den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, Gedanken und Entwicklungen. Ich glaube, ich lerne mindestens so viel von meinen Klientinnen, wie sie von mir. Das klingt jetzt irgendwie pathetisch, ich meine es aber wirklich so. An meine Grenzen bringt mich manchmal die Bürokratie und meine eigene Ungeduld- das passt oft nicht so gut zusammen.



3. Was denken Sie ist das Besondere an Anad e.V. ?

Das Besondere an ANAD ist, dass wir immer versuchen, individuell auf die oder den Einzelnen einzugehen und keine Standardtherapie oder -beratung machen. Ich habe in meinen neun Jahren noch nie eine Klientin beraten, die -egal ob von ihrer Persönlichkeit oder aber von ihrer Essstörung her- so gewesen wäre, wie eine andere zuvor. Essstörungen sind so komplexe Erkrankungen, dass es mehr braucht als vorgefertigte Antworten oder klare Ablaufpläne, wichtig ist uns vor allem der Kontakt und die Beziehung zu den Betroffenen, um gemeinsam herauszufinden, was für sie hilfreich sein könnte und wie die gemeinsame Arbeit aussehen kann.

Erst am Freitag habe ich auf einer Fachtagung erfahren, dass es meist mehrere Jahre dauert, bis sich Betroffene an eine Einrichtung wenden. Zugleich verbessert eine kurze Spanne zwischen Erkrankungsbeginn und Beginn der Therapie die Behandlungserfolge enorm. Durch unser Onlineangebot möchten wir dazu beitragen, dass mehr Frauen und Männer, die an einer Essstörung leiden, den Mut fassen, sich ohne große Anforderungen und Verbindlichkeiten zu informieren und somit schneller die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie so dringend benötigen.

 

4. Wie kann Anad auch Angehörigen von Betroffenen helfen?

In unseren Wohngruppen versuchen wir vor allem bei unseren jugendlichen Klientinnen die Eltern oder andere enge Bezugspersonen in die Therapie und Beratung mit einzubeziehen. Doch auch wenn die Betroffenen nicht bei uns wohnen, gibt es ein vielfältiges Angebot von Beratungen, Workshops und Seminaren für Angehörige. Wir wissen aus jahrelanger Erfahrung wie belastend es für enge Bezugspersonen ist, scheinbar ohnmächtig dieser Krankheit gegenüberzustehen und möchten auch sie hierbei bestmöglich unterstützen. Genaueres hierzu finden Sie auf unserer Homepage.

 

5. Was denken Sie ist wichtig, um die Essstörung in den Griff zu bekommen? 

Schwierig das so pauschal zu beantworten, bei jedem hat die Essstörung ja eine andere Funktionalität. Grundsätzlich würde ich sagen, ist es wichtig, von beiden Seiten an das Problem heranzugehen. Also zum einen daran zu arbeiten wieder regelmäßig und ausreichend zu essen (egal bei welcher Diagnose ist das m.E. der Weg zum Ziel), zum anderen aber auch zu schauen, was sonst im Leben nicht passt oder was gerade durch die Essstörung aushaltbar gemacht wird und gemeinsam zu schauen, wie das verändert werden kann. Nur an einem der beiden Themen zu arbeiten fasst meiner Meinung nach zu kurz.

 

6. Können Sie kurz das Therapiekonzept von Anad erklären?

Unser Konzept zielt darauf ab, intensive Psycho- und Ernährungstherapie mit einer Wiedereingliederung in den Alltag zu verbinden. Der Vorteil besteht in erster Linie darin, Strategien, die in der Klinik erlernt wurden, im Alltag mit all seinen Anforderungen auf ihre Tauglichkeit zu erproben und ggf. zu modifizieren.

Für den Fall, dass dieses Setting für einzelne zu intensiv ist, bieten wir auch rein sozialpädagogisch betreute Wohngruppen und das Betreute Einzelwohnen an.

 

7. Was wollen Sie den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben?

Die Bewältigung einer Essstörung ist ein langer Weg, aktuelle Studien sprechen von 5 +/- 2 Jahren. Das sind 5 Jahre, die nicht linear verlaufen, es gibt immer wieder Höhen und Tiefen. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Betroffene trauen, früher Unterstützung zu suchen und dass diejenigen, die seit Jahren kämpfen, nicht die Kraft oder Motivation verlieren und einen Rückfall als persönliches Scheitern sehen. Das ist im Verlauf einer Essstörungstherapie völlig normal und auch wenn es oft noch so aussichtslos erscheint, auch eine Essstörung ist heilbar, das sehe ich an vielen unserer Klientinnen.

Vielen lieben Dank an Frau Maier für dieses Interview. Ich denke ihr konntet einige neue Dinge über Anad e.V. erfahren und habt neue Anstöße bekommen, um die Bewältigung der Essstörung anzugehen. Bleibt am Ball……….!!!!

Bis bald

Eure Annika

Annika Lausch

Name: Lausch, Annika – Alter: 28 – Wohnort: München – Beruf aktuell: Studentin der sozialen Arbeit an der KSFH München – Zuvor: Leistungssportlerin im Rudern (2-fache deutsche Meisterin, 3 WM-Teilnahmen), danach Kommissaranwärterin bei der bayrischen Polizei, danach Fitness- und Personaltrainerin und Rudertrainerin – Über die Krankheit: seit 2007 Sportsucht/Bulimie – 3 Klinikaufenthalte seit März 2013 bei Anad als Klientin seit fast 2 Jahren stabiles und gesundes Essverhalten – Hobbies: Musik und Tanzen, Wassersport und Sonnenbaden

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